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40 Millionen Kinder weltweit unter fünf Jahren sind übergewichtig oder fettleibig – diese alarmierenden Zahlen gehen aus dem kürzlich vorgestellten UNICEF-Report hervor. Das betrifft auch viele Kinder hierzulande: Laut einer aktuellen Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) aus 2018 ist etwa jedes siebte Kind zu dick oder sogar fettleibig. UNICEF und auch Verbraucherorganisationen wie Foodwatch fordern unter anderem, die Industrie im Kampf gegen Übergewicht stärker in die Verantwortung zu ziehen – so wie es andere Länder bereits machen.

Sportlich, schlank, gutaussehend: Schenken wir den Bildern auf Instagram glauben, besteht die Welt fast nur aus eben solchen Menschen. Die Wahrheit sieht jedoch ganz anders aus. Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Menschen mit Übergewicht und Adipositas zu kämpfen haben. Auch hierzulande spielt das Thema eine große Rolle – und das oft schon bei den Kleinsten. Laut einer aktuellen Studie des Robert Koch-Instituts sind 15,4 Prozent der Mädchen und Jungen im Alter zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Fast sechs Prozent (5,9 Prozent) davon haben Adipositas.

 

Nicht nur der Faktor Essen schürt Übergewicht

Für viele ist klar: Übergewichtig wird, wer viel fett- und zuckerreiches Essen zu sich nimmt und sich nicht oder kaum körperlich bewegt. Das stimmt, aber nicht nur. Wissenschaftler im Forschungsverbund PreVENT fanden heraus, dass Übergewicht besonders häufig in Familien mit geringer Bildung auftritt – bedingt durch ein ungünstiges Essverhalten. Gründe hierfür können weniger zur Verfügung stehendes Geld sein, aber auch mangelndes Wissen darüber, was überhaupt eine gesunde Ernährung ausmacht. Laut Prof. Dr. Manfred Müller vom Institut für Humanernährung und Lebensmittelkunde in Kiel stellt gerade eine geringe Bildung demnach oftmals eine Barriere für erfolgreiche Präventionsmaßnahmen dar. Auch Kinder von Alleinerziehenden und Kinder mit Migrationshintergrund haben ein erhöhtes Risiko, übergewichtig zu werden.

Weitere Faktoren, die aus der Erhebung hervorgehen:

  • Fernsehen, Computer, Smartphone und Co.: Sitzen Kinder mehr als eine Stunde vor dem Bildschirm, steigt das Risiko für Übergewicht.
  • Übergewichtige Eltern: Kinder und Jugendliche von übergewichtigen Eltern haben ein um bis zu 80 Prozent erhöhtes Risiko, auch übergewichtig zu werden. Hier spielen die biologischen Anlagen eine Rolle, aber auch der Ernährungs- und Lebensstil.
  • Übergewicht in der Schwangerschaft: Nehmen Frauen während der Schwangerschaft mehr als mehr als 17 Kilogramm zu, steigt das Risiko für späteres Übergewicht bei den Kindern.

 

Die Crux mit vermeidlich gesunden Kinderlebensmittel

Neben aktuellen Zahlen zur Lage der Ernährungssituation von Kindern weltweit, fordert UNICEF in seinem Report auch ganz konkret Regierungen, die Privatwirtschaft, Spender, Eltern, Familien und Unternehmen auf, sich zugunsten der Gesundheit von Kindern einzusetzen. Unter anderem …

  • … könne durch eine bessere Aufklärung über gesunde Ernährung und gesetzliche Regelungen wie Zuckersteuern die Nachfrage nach ungesunden Lebensmitteln gesenkt werden.
  • … könnten korrekte und leicht verständliche Label und strengere Kontrollen für das Marketing von ungesunden Lebensmitteln dafür sorgen, dass ein gesundes „Ernährungs-Umfeld“ für Kinder und Jugendliche geschaffen wird.

Das Thema Marketing von Kinderprodukten ist auch der Verbraucherorganisation Foodwatch seit Jahren ein Dorn im Auge. Sie sieht auch die Lebensmittelindustrie in der Mitverantwortung, Übergewicht bei Kindern zu vermeiden. Neun von zehn Lebensmitteln, die etwa mit Comicfiguren für Kinder beworben würden, seien „zu süß, zu fettig, zu salzig“ und entsprächen nicht den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für gesunde Kinderprodukte – so Foodwatch. Auch die Verbraucherzentrale und die Initiative In Form des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft weisen darauf hin, dass die meisten Kinderlebensmittel viel zu süß und fetthaltig sind, zudem oft Zusatzstoffe enthalten.

 

Politik vs. Lebensmittellobby

„Der freiheitliche Staat kann seine Bürger informieren, ihnen aber nicht die Entscheidung abnehmen, wie sie sich ernähren. Die Verantwortung für die eigene Gesundheit hat im Grunde jeder selbst.“ Das sagte der ehemalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt 2014 in einem Interview mit der Welt. Das sieht Foodwatch anders und fordert die Bundesregierung zu konkreten Maßnahmen auf – auch im Hinblick auf Kinderlebensmittel. Die Organisation fordert Werbebeschränkungen für ungesunde Kinderlebensmittel, eine verständliche Nährwertkennzeichnung in Ampelfarben und eine Herstellerabgabe für überzuckerte Getränke.

Doch warum tut sich die Regierung mit gesetzlichen Vorgaben so schwer? Das liegt auch an der starken Lebensmittellobby. In einem Interview sagt die WHO-Chefin Margret Chan: „Wenn die Industrie in politische Entscheidungsfindungen eingebunden ist – seien Sie sicher, dass die wirksamsten Regulierungsmaßnahmen heruntergespielt oder ganz verhindert werden.“ Auch die Linke äußerte sich zu dem Thema: „Die Regierung – und insbesondere der Verbraucherminister – (…) darf sich nicht länger von den Lobbyisten der Ernährungsindustrie die Ernährungspolitik diktieren lassen.“

 

0 Prozent Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse

Das es auch anders geht, zeigt ein Blick in unsere Nachbarländer. In einigen EU-Ländern gibt es bereits Werbebeschränkungen für zuckerhaltige Lebensmittel. Schweden etwa verbietet jegliche Werbung in Kinderprogrammen für unter Zwölfjährige.

Werbeeinschränkungen gibt es hierzulande zwar nicht, wohl aber Ideen, wie Lebensmittel mit hohem Fett-, Zucker- und Salzgehalt unattraktiver gestaltet werden könnten – etwa durch eine reduzierte Mehrwertsteuer auf „gesunde“ Lebensmittel. Die Universität Hamburg analysierte im Rahmen einer Studie die Auswirkungen einer Besteuerung von „ungesunden“ oder „adipogenen“ Lebensmitteln, darunter sind solche mit hohem Fett-, Salz-, und Zuckeranteil zu verstehen, auf das Ernährungsverhalten in Deutschland. Das Fazit: Würde man Lebensmittel wie folgt versteuern, kann die Adipositasprävalenz reduziert werden:

  • Grün 0 %: Obst und Gemüse
  • Gelb 7 %: Normale Lebensmittel wie Nudeln, Milch oder Fleisch
  • Rot 19 %: Produkte mit viel zugesetztem Zucker, Salz oder Fett wie Fertiggerichte, Chips oder Süßigkeiten

Der NutriScore kommt – (k)ein Meilenstein?

Doch auch ganz konkret – und aktuell – tut sich etwas in Deutschland: Der NutriScore kommt! Wenn auch vorerst nur auf freiwilliger Basis – sprich, die Hersteller von Lebensmitteln entscheiden selbst, ob sie die Nährwertkennzeichnung auf die Produkte drucken. Der NutriScore erscheint auf der Vorderseite von Produkten und gibt den Verbrauchern eine schnelle Orientierung zu der Nährstoffzusammensetzung von Lebensmitteln  – dargestellt in den Ampelfarben rot, gelb und grün. Rot steht eine ungünstige Zusammensetzung, gelb für „in Ordnung“ und grün für gut.

Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, reagiert mit der Einführung auf die Ergebnisse einer unabhängigen Verbraucherforschung, die im Auftrag des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft durchgeführt wurde. Der Wunsch der Verbraucher nach mehr Sicherheit und Transparent beim Kauf von Lebensmitteln – das zeigen die Ergebnisse – ist groß, heißt es in einer Pressemitteilung des BMEL.

Frau Klöckner betitelt diesen Schritt als „(…) Meilenstein in der Ernährungspolitik.“. Das erweiterte Nährwertkennzeichnungsmodell allein werde das Übergewichtsproblem nicht lösen, so Klöckner, aber es sei ein Baustein von vielen, die zur gesunden Ernährung beitrügen.

 

Jeder darf sich selbst ein Urteil darüber bilden, ob ein freiwilliges Einführen eines Nährwertkennzeichnungsmodells der Betitelung „Meilenstein“ würdig ist. Welcher Lebensmittelhersteller druckt freiwillig einen NutriScore auf ein Produkt, der uns mit rot eindeutig zeigt, dass das Produkt weniger gesund ist? Insbesondere, wenn er das Produkt als vermeidlich gesund deklariert – etwa ein Joghurt, bei dem mit ganz viel guter Milch geworben, der hohe Zuckergehalt jedoch verschwiegen wird? Auf der anderen Seite ist der NutriScore ein super Marketinginstrument. Schaut her, mein Kinderjoghurt ist gar nicht so schlecht, wie immer angeprangert! Er trägt ein hellgrünes „B“! Der Zuckergehalt ist zwar sehr hoch, dafür jener von Fett und Salz gering. Die Mischkalkulation ergibt ein B – also okay.